Der Tanz mit dem Schatten

Der Tanz mit dem Schatten

Schatten ist all das, was wir an uns und an anderen nicht mögen. Es sind Eigenschaften, Gedanken, Gefühle, die Du vor Dir und anderen zu verbergen versuchst. Und es ist genau das, was uns zum ganz werden fehlt. Unsere verdrängten Anteile sind uns nicht bewusst, haben aber Auswirkungen auf unsere Gefühle und Handlungen.

Wie gerne wir eigene Wünsche, Erwartungen und Gefühle auf andere verlagern (Projektion), veranschaulicht die folgende Geschichte des Hodscha Nasreddin:


Ein Philosoph hatte sich bei Mulla Nasrudin, einem Sufilehrer angemeldet, um mit ihm zu debattieren. Als der Philosoph zur verabredeten Zeit ankam, war Nasrudin nicht da. Wütend schrieb der Philosoph mit einem Stück Kreide an Nasrudins Tor: „Dummer Flegel“.

Als Nasrudin nach Hause kam und das sah, eilte er zum Hause des Philosophen und sagte:

„Ich habe vergessen, dass du kommen wolltest, und es tut mir leid, dass ich nicht da war. Aber ich erinnerte mich sofort daran, als ich Deinen Namen auf meinem Tor sah.1


Den Begriff des Schattens, des „dunklen Zwillings“ gibt und gab zu allen Zeiten unter vielen Namen: der Doppelgänger, das Verdrängte, die dunkle Seite, die Dämonen, der Teufel, Luzifer…

Die folgende Geschichte ist ein Zitat aus dem Buch: „Schattenarbeit: Wachstum durch die Integration unserer dunklen Seite“, Debbie Ford.


Das Schloss

Das Schloss„Stellen Sie sich vor, dass sie ein prachtvolles Schloss sind, mit langen Fluren und Tausenden von Zimmern. Jedes Zimmer im Schloss ist vollkommen und enthält ein besonderes Geschenk. Jedes Zimmer stellt einen anderen Aspekt von Ihnen dar und ist ein integraler Bestandteil dieses vollkommenen Schlosses.

Als Kind haben Sie jeden Zentimeter ihres Schlosses erforscht, ohne Scham und ohne zu urteilen. Furchtlos haben Sie in jedem Zimmer nach seinen Edelsteinen und seinem Geheimnis gesucht. Alle Räume gehörten dazu, die Abstellkammer, das Schlafzimmer die Toilette und Keller. Jedes Zimmer war einzigartig. Das Schloss war voller Licht und Liebe, und Sie staunten über die Fülle.

Dann kam eines Tages jemand in Ihr Schloss, der sagte, dass mit einem Zimmer etwas nicht in Ordnung sei, es gehöre sicherlich gar nicht zum Schloss. Er machte den Vorschlag, dass Sie die Tür zu diesem Zimmer verschließen sollten, falls Sie ein perfektes Schloss haben wollten. Da Sie sich nach Liebe und Angenommensein sehnten, schlossen Sie diesen Raum schnell zu. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Leute in Ihr Schloss. Sie ließen Sie wissen, welche Zimmer sie mochten und welche nicht. Und allmählich schlossen Sie eine Tür nach der anderen zu. Die wunderbaren Räume wurden abgesperrt und der Dunkelheit überlassen. Ein Kreislauf hatte begonnen.

Seitdem haben Sie immer mehr Türen aus den verschiedensten Gründen verschlossen, weil Sie Angst hatten oder weil Sie glaubten, ein Zimmer wäre zu auffallend. 
Sie schlossen Räume, weil sie zu konservativ waren oder weil andere Schlösser kein solches Zimmer besaßen. 
Sie schlossen Türen, weil Ihnen religiöse Autoritäten gesagt haben, solche Zimmer dürften Sie nicht betreten. 
Sie machten die Tür zu jedem Raum zu, der nicht den Normen der Gesellschaft oder ihrem eigenen Ideal entsprach.

verschlossene TürenDie Tage waren vorüber, als Ihr Schloss grenzenlos zu sein schien und die 
Zukunft aufregend und hell. Sie kümmerten sich nicht mehr mit der gleichen Liebe und Bewunderung um jedes Zimmer. Räume, auf die Sie einmal stolz gewesen waren, mussten jetzt verschwinden. Sie wollten diese Zimmer irgendwie loswerden, aber sie gehörten ja zu ihrem Schloss.
Nachdem Sie nun die Türen zu allen Zimmern verschlossen hatten, die Sie nicht mochten, vergaßen Sie im Laufe der Zeit, dass diese Räume überhaupt existierten. Am Anfang merkten Sie gar nicht, was Sie da taten. Es wurde einfach eine Gewohnheit Da Sie von aller Welt Botschaften bekamen, wie ein richtiges Schloss auszusehen habe, wurde es viel leichter, auf sie zu hören, als Ihrer eigenen inneren Stimme zu vertrauen, die Ihr ganzes Schloss liebte. Diese Zimmer zu verschließen, gab Ihnen ein Gefühl der Sicherheit.

Es dauerte nicht lange, und Sie stellten fest, dass Sie nur in einigen wenigen Räumen lebten. Sie hatten gelernt, wie man das Leben ausschließen konnte, und richteten sich bequem darin ein. Viele von uns haben so viele Zimmer verschlossen, dass wir vergessen haben, einst ein Schloss bewohnt zu haben. Wir begannen zu glauben, wir seien ein kleines, reparaturbedürftiges Haus mit zwei Zimmern.

Stellen Sie sich nun vor, dass Sie in Ihrem Schloss alles beherbergen, was Sie sind, das Gute und das Schlechte, und dass jeder Aspekt, der auf diesem Planeten existiert, auch in Ihnen existiert. Ein Zimmer ist Liebe, ein anderes Mut, eines ist Eleganz, ein anderes Anmut. Es gibt endlos viele Zimmer: Kreativität, Weiblichkeit, Ehrlichkeit, Integrität, Gesundheit, Selbstbehauptung, sexuelle Anziehung, Kraft, Schüchternheit, Hass Gier, Frigidität, Faulheit, Arroganz, Krankheit und Bosheit. Sie alle sind Zimmer in Ihrem Schloss. Jeder Raum ist ein Teil des Gebäudes und hat irgendwo im Schloss ein Gegenstück.

Glücklicherweise sind wir nie zufrieden, wenn wir weniger sind, als wir sein können. Unsere Unzufriedenheit mit uns selbst motiviert uns, nach all diesen verlorenen Zimmern in unserem Schloss zu suchen.“


Schatten

SchattenIm Laufe unserer Entwicklung und Erziehung lernen wir durch Reaktionen von Eltern, ErzieherInnen, Peergroups, FreundInnen, PartnerInnen, (Berufs-)KollegInnen entweder durch Zwang oder durch Bewunderung deren Werte und gesellschaftliche Normen. Das führt dazu, dass wir gewisse Eigenschaften nicht haben wollen.

Das Bewusstsein teilt sich nach der Ansicht von C. G. Jung in eine Persona und deren Schatten. Also auf der einen Seite alle Anteile und Eigenschaften, die wir an uns mögen und auf der anderen Seite, alles was wir nicht zu sein wünschen. Oder auch was wir nicht zu sein wagen.

Der Schatten kann auch positive Eigenschaften haben und zeigt sich in allem was ich an anderen bewundere – genau so wie sich der negative Schatten in allem zeigt, was mich an anderen stört.

Jung geht davon aus, dass wir überhaupt nur Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale an anderen wahrnehmen können, die in uns selbst angelegt sind. Sonst würde uns das „Instrumentarium“ zu deren Wahrnehmung fehlen.
Jung definiert den Begriff 1945 als das, was der Mensch nicht sein möchte.


„Jedermann ist gefolgt von einem Schatten, und je weniger dieser im bewussten Leben des Individuums verkörpert ist, umso schwärzer und dichter ist er. Wenn eine Minderwertigkeit bewusst ist, hat man immer die Chance, sie zu korrigieren.

Auch steht sie ständig in Berührung mit anderen Interessen, sodass sie stetig Modifikationen unterworfen ist. Aber wenn sie verdrängt und aus dem Bewusstsein isoliert ist, wird sie niemals korrigiert.

Es besteht überdies die Gefahr, dass in einem Augenblick der Unachtsamkeit das Verdrängte plötzlich ausbricht. Auf alle Fälle bildet es ein unbewusstes Hindernis, das die bestgemeinten Versuche zum Scheitern bringt.“


Der Schatten lässt sich nicht ausrotten, wir sollten versuchen, ihn uns zum Freund zu machen.

Persona und Schatten zusammen bilden erst das Selbst. Der Weg zur Ganzheit führt daher nur über den Schatten.

Wie nun der „Schattentanz“ funktioniert, also was dieses Thema mit Tanz zu Dir Selbst zu tun hat, erfährst Du im nächsten Blogbeitrag. Wenn Du darüber informiert werden möchtest, trag Dich hier ein.


1: Hodscha Nasreddin (türkisch نصر الدين خواجه Nasreddîn Hoca, İA Nasreddīn Ḫoca) ist der Name des prominentesten Protagonisten humoristischer prosaischer Geschichten im gesamten türkisch-islamisch beeinflussten Raum vom Balkan bis zu den Turkvölkern Zentralasiens. Seine historische Existenz ist nicht gesichert; es wird angenommen, dass er im 13./14. Jahrhundert in Akşehir im südwestlichen Anatolien gelebt hat. Nasreddin trägt im gesamten Entstehungs- und Verbreitungsgebiet der Anekdoten – sprachlich und kulturell bedingt – verschiedene Namen. Dieselbe Figur, die auf Türkisch Nasreddin Hoca genannt wird, ist auf Azeri als Molla Nəsrəddin, auf Kasachisch als Ķožanasyr (Қожанасыр) sowie in China auf Uigurisch als Əpəndi Nəsiridin (نەسىرىدىن ئەپەندى) und auf Chinesisch als Āfántí (阿凡提, abgeleitet von Efendi) bekannt. Außerdem ist die Figur in weiten Teilen des persischen Sprachgebietes als Mollah Nasreddin (persisch ملا نصر الدين, DMG Molā Naṣro’d-Dīn) bekannt.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Nasreddin

Fotos: pixabay.com

 

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